Macht hoch die Tür

Im Advent 2016 verwirklichte die Jugendgruppe in Zusammenarbeit mit Frau Dr. Claudia Grund und dem Eichstätter Kurier (unserer Zeitung) ein ganz besonderes Projekt. Die Jugend fotografierte in Eichstätt Türen, Frau Dr. Grund schrieb dazu Texte und der Eichstätter Kurier veröffentlichte diese Arbeiten.
Lassen Sie sich überraschen 🙂

kapuzinergasse-anna_balbierzMittwoch, 30. November
Advent. Eigentlich sollten sich die Menschen jetzt ja in aller Ruhe auf das Hochfest der Geburt Christi an Weihnachten vorbereiten. Aber irgendwie ist er so gar nicht mehr die staade Zeit, die wir aus unserer Kindheit in Erinnerung haben bzw. zu haben meinen, als zumindest für die Kleinen der Advent noch eine Zeit der stillen Erwartung war, eine Zeit mit ganz besonderem Zauber und besonderen Gerüchen – und einfach ein bisschen ruhiger.
Ein bei Kindern wie Erwachsenen beliebter Brauch lässt allerdings noch ein wenig Vorweihnachtsstimmung aufkommen: der Adventskalender. Zurückgehend auf im 19. Jahrhundert entstandene Bräuche des Abzählens der Tage bis zum Weihnachtsfest, entstanden zunächst in Deutschland insbesondere für Kinder Adventskalender mit 24 Türchen, von denen vom 1.-24. Dezember jeweils eines geöffnet wird. Der EICHSTÄTTER KURIER nimmt diesen Brauch heuer im wahrsten Sinne des Wortes auf. Gemäß dem bekannten Adventslied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“ begegnen Ihnen liebe LeserInnen, an den 20 Erscheinungstagen des EK vom 1.-24. Dezember jeweils eine Tür oder ein Tor aus Eichstätt. Darunter sind bekannte und weniger bekannte, darunter sind alte und neue, wertvolle und ganz normale Exemplare. Sie alle jedoch sind mit einem Stück Eichstätter Geschichte verbunden. Zwölf junge und engagierte Nachwuchsfotografinnen des Eichstätter Fotoclubs unter Anleitung von Walter Huber waren das ganze Jahr unterwegs und haben eigenständig und unbeeinflusst, aber mit bemerkenswert gutem Blick für das Besondere, Verborgene und Pittoreske Eichstätter Türen und Tore zusammengetragen. Wir alle hoffen, damit ein ebenso liebenswertes wie spannendes Stück Eichstätter Geschichte bewusst zu machen und zu seiner Erhaltung und Weitertradierung beitragen zu können.
Kapuzinergasse 1, rundbogiges Tor in einer Gartenmauer, bezeichnet 1560

 

marktgasse-pia_weisheitDonnerstag, 1. Dezember

Den Anfang macht eine der schönsten Eichstätter Türen. Sie gibt Anlass, zunächst ein wenig der Geschichte von Türen und Toren nachzugehen. Die ersten von Menschen erbauten Behausungen hatten im Regelfall keine verschließbaren Eingangstüren. Zum Schutz vor dem Eindringen von Haus- oder Raubtieren verwendete man wahrscheinlich versetzbares Flechtwerk aus Zweigen. Ebenso sind Türverschlüsse anfangs unbekannt, wie auch noch lange Zeit Innentüren. Eine in der Schweiz gefundene, 5000 Jahre alte Holztüre, gilt als eines der ältesten Exemplare Europas. Im Laufe der Zeit wurden Türen weiter entwickelt, erfand man Verschlussmöglichkeiten, von der Schlaufe über den Riegel und letztendlich auch das Schloss. Türen und Tore erzählen oft etwas über Zweck und Geschichte des Gebäudes, und nicht selten auch über dessen Bewohner – wie besonders eindrucksvoll bei unserer heutigen Tür, die sich im Saervehaus in der Marktgasse befindet.
Das Gebäude wurde 1680-85 im Auftrag von Jakob Billmeier – seit 1666 Bräuverwalter der Hofmühle, später Hofkammerrat und seit 1677 Hofkellermeister – durch den bischöflichen Hofbaumeister Jakob Engel erbaut. Seine wundervolle Stuckfassade entstand 1744 unter dem fürstlichen Hofrat Otto Philipp von Hartung. Um 1815 ging das barocke Kleinod in den Besitz des Wachsziehers Joseph Greiner über, der seinen Beruf so wundervoll und sprechend auf seiner Haustüre verewigen lies: in Form eines prächtigen geschnitzten Bienenkorbes. 1895 wurde das Gebäude durch Johann Baptist Saerve erworben, der hier sein Fachgeschäft für Kolonial,- Material- und Farbwaren mit Kafferösterei begründete. Letztere besteht bis heute in bereits der 4. Generation als Familienbetrieb.
Gebäude wie Türe sind Musterbeispiel für den verantwortungsvollen Umgang mit dem architektonischen Erbe der Stadt. So blieb nicht nur die Türe 200 Jahre lang sorgfältig bewahrtes Schmuckstück des Gebäudes. Im Rahmen der umfassenden Sanierung 2007-08 entschied man sich auch bewusst für die Erhaltung der originalen!!! Fenster der Erbauungszeit.

 

ostenstrasse-sarah_weissFreitag, 2. Dezember

Nicht lange ist es her, dass der „Böse-Buben-Chor“ nach über 60 Jahren kreativen Bestehens sein Abschiedskonzert im Dom gegeben hat – Anlass genug, hier an seine Anfänge im ehemaligen Gasthaus „Glasgarten“ in der Ostenstraße zu erinnern.

Die erste bürgerliche Ansiedlung der Ostenvorstadt wird für das 13./14.Jh. vermutet. Sie befand sich nahe dem Ostentor im Bereich der Friedhofsgasse (damals Katzengässle). Sie war von dem im 12. Jh. weiter östlich gegründeten Schottenkloster mit der Heiliggrab-Kirche durch Felder und Gärten getrennt und wurde durch die Neuanlage des Ostenfriedhofs im Jahre 1535 entscheidend aufgewertet. Erst nach den Zerstörungen des 30jährigen Kriegs entstand die markante Achse der Ostenstraße mit ihrer flankierenden Bebauung, die nordseitigen Gärten blieben jedoch weiterhin bestehen.

Seit dem 16. Jh. sind die beiden großen Gärtnereien, die bischöflichen „Späthengärtnerei“ (die spätere Gärtnerei Engert) und die „Bottmannsgärtnerei“ hinter dem heutigen Anwesen Ostenstraße 23 überliefert, dessen Besitzer im 17./ 18. Jh. mehrfach wechseln.

Um 1875 erwirbt der Gärtner Anton Glas Wohnhaus und rückwärtigen, bis zur Gottesackergasse reichenden Garten; sein Sohn, Anton Glas Junior, eröffnet schließlich die Gaststätte „Glasgarten“. 1906 erwirbt der Braumeister Andreas Kögler das Anwesen und errichtet neben Gaststuben samt Straßenausschank in der gewölbten Tordurchfahrt des Hauptgebäudes im Hofraum eine Sommerhalle mit Kegelbahn.

Die Traditionswirtschaft, zuletzt bewirtschaftet von der Familie Haslbeck, war auch das Geburtslokal des BBC, dessen erste Mitglieder sich hier zunächst als lockere Blasn trafen und 1958, als es galt, einem Freund ein Hochzeitsgeschenk zu machen, zum Böse-Buben-Club respektive dessen Chor zusammenschlossen. Der Chor bestand weiter, wurde geradezu legendär und feierte Erfolge sogar im Film.

Das beliebte Traditionslokal „Glasgarten“ ist seit Anfang der 60er Jahre Geschichte, Sommerhalle und Kegelbahn sind längst verschwunden – doch sein Name lebt fort: in der neuen Wohnanlage gleichen Namens und in den Erinnerungen der alteingesessenen Eichstätter.

 

Sluitpoldstrasse-lavinia_klingeleamstag, 3. Dezember

Kein Türl, sondern ein hochherrschaftliches Portal präsentiert sich uns am heutigen Tag. Das Gebäude gehört zu einem ganzen Kranz von Domherrnhöfen, welche seit dem 11. Jh. an der Grenze des Dombezirks entstanden und dessen damalige Umgrenzung sich noch immer im Verlauf bzw. der stattlichen Breite der Luitpoldstrasse abzeichnet. Das heutige Palais wurde 1724 nach den Plänen des fürstlichen Hofbaudirektors Gabriel de Gabrieli für den Domherrn Lothar Johann Hugo Franz Graf von Ostein errichtet, dessen Wappen den straßenseitigen Giebel schmückt. Der herrschaftliche Bau mit seiner schönen Portalanlage zählt zu den elegantesten Domherrenhöfen Eichstätts. Nach dem Tode Osteins kam er n den Besitz von Philipp Carl Graf von Oettingen-Baldern und 1787 an Marquard Franz Xaver Freiherr von Riedheim, der auch Gegenstand einer der beliebten Anekdoten des Eichstätter Lokalhistorikers Julius Sax ist. Danach habe der Domherr, in Unkenntnis ihres Fassungsvermögens, die trinkfreudige Runde um den fürstbischöflichen Hofkammerrat Wolfgang Engelbert von Sausenhofer, zu einem kleinen Umtrunk eingeladen, woraufhin an die 30 Flaschen eines raren Tropfens Wein durch die durstigen Kehlen rannen. Als daraufhin der Domherr bei einer späteren Begegnung Sausenhofer entgegen brummte „Die Herren einmal eingeladen und in meinem Leben nimmermehr“ habe dieser ungerührt geantwortet: „Drum haben wir gleich das erstemal auf vier Einladungen getrunken.“

Seit der Säkularisation wechselten verschiedene Privateigentümer. Seit 1912 diente das Gebäude als Dompfarrmesnerhaus, bis es 1919 von der Benediktinerabtei Plankstetten erworben und bis 1976 als Studienseminar genutzt wurde – als „Benehaus“ ist es noch allseits in Erinnerung. Seit 1993 befindet sich in dem, rückwärtig um einen sachlich-modernen Magazintrakt erweiterten, Barockpalais das Diözesanarchiv.

 

westenstrasse-vanessa_dormeierMontag, 5. Dezember

Über einem steinernen Türgewände mit der Jahreszahl 1688 in der Westenvorstadt befindet sich das wundervolle Steinrelief, das die Muttergottes mit dem Kind zeigt. Es ist ein Bild tiefster Zuneigung. Liebevoll neigt die Mutter ihr Haupt zum Kind, den sanften Blick mit leiser Melancholie zum Betrachter gerichtet. Das Kleinkind scheint mit jeder Bewegung und Geste zu seiner Mama zu streben. Ein Ärmchen um ihren Hals und das rechte Händchen zärtlich an ihr Kinn gelegt, schmiegt es das Gesichtchen ist an die Wange der Mutter. Das Idyll vertritt eine der beliebtesten Darstellungen der Muttergottes mit dem Kind. Nach dem Vorbild des byzantinischen Urtypus der Eleousa (der Zärtlichen) und angeregt durch die Anrufungen der Lauretanischen Litanei malte Lukas Cranach zwischen 1517 und 1525 für den sächsischen Hof diesen Inbegriff des Marienbildes. Herzog Leopold V. von Österreich wählte das Gemälde bei seinem Besuch in Dresden als Gastgeschenk. Er brachte es zunächst nach Passau und später nach Innsbruck, von wo es sich in unzähligen Kopien über ganz Europa verbreitete. „Maria Hilf ist der Name des Gnadenbildes. Es ist ein Stoßseufzer, in dem so viele menschliche Nöte sprechenden Ausdruck finden. Auch die mittelalterliche Liebfrauenkapelle des Tuchmacherhandwerks in der Westenvorstadt wurde nach ihrer Wiedererrichtung und Neuweihe 1665 dem beliebten Maria Hilf-Kult angegliedert – seitdem prägt das Bild der fürsorglichen Mutter und des anschmiegsamen Kindes als Ausdruck urmenschlicher Bedürfnisse Kapelle und Westenvorstadt bis hin zur Webergasse. Hier wählten die Bewohner das Bild besonders gerne als Segen bringende Hausmadonna – so auch im 17.Jh. die Bewohner von Westenstraße 37, die sich für Ihr Bildnis einen begabten Bildhauer, eventuell sogar den viel beschäftigten Bildhauer Christian Handschuher leisteten. Wohl wurde die Fassade im 19.Jh. überarbeitet und eine neue, aufwendig gearbeitete Haustüre mit schmiedeeisernem Gitter eingesetzt – das Maria-Hilf-Bild blieb und bezaubert bis heute.

 

luitpoldstrasse-marlena_beckDienstag, 6. Dezember

„Demnächst Neueröffnung“ steht auf einem Zettel auf der ansonsten mit Zeitungspapier blickdicht gemachten Türe, die sich im Untergeschoß des „Weißen Rosses“ Am Graben 21 befindet. Und das „dicht gemacht“ ist hier leider wörtlich zu nehmen, ist der Zettel doch nur ein sozusagen Abgesang auf den berühmten Humor des ehemaligen Ladeneigentümers. Die Tür führte in den mit 10 Quadratmetern kleinsten, altmodischten und legendärsten Friseursalon Eichstätts, den Heinz Matusch seit 1967 betrieb, bis ihn eine Erkrankung zwang, sein „kleines Heiligtum“ nach 48 Jahren für immer zu schließen.

Den Friseursalon als „Kult“ zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Es waren die ganz besondere Atmosphäre vom Geist der alten Zeit mit dem teils bis in die 50er Jahre zurückreichenden Originalinventar, es war aber vor allem die allseits beliebte und unverwechselbare Persönlichkeit das „Baders“ der immer zu einem kleinen Scherz aufgelegt war. Seine Kundschaft, zu der übrigens nicht wenig Eichstätter Prominenz zählte, dankte es ihm durch langjährige Treue.

Ein Friseurgeschäft an dieser Stelle bestand übrigens über 130 Jahre lang. Im Januar 1880 eröffnete dort der „Bader“ Franz Xaver Kuhn ein „Rasir- und Haarschneide-Geschäft“, Vorgängerin von Matusch war Maria Pröls, bei der wiederum ein weiteres Eichstätter Original den Leuten die Haare schnitt: der als späterer Gastwirt legendäre Fux’n Kare. Matusch übernahm schließlich als 22-jähriger den Laden, die Einrichtung kam aus dem Friseursalon des Vaters in der Webergasse.

Seit 2014 ist sie leider Geschichte, die Frisierstube von Heinz Matusch – ebenso wie sein berühmter Baderteller, der morgens auf- und abends abgehängt wurde und immer Ziel von nicht wirklich böse gemeinten Scherzen war – allerdings dieses Mal nicht des Eigentümers.

 

ostenfriedhof-ronja_heldMittwoch, 7. Dezember

So manch schwerer Gang, aber auch der erinnerende Weg zu unseren verstorbenen Lieben, hat uns wohl alle schon durch dieses Tor geführt, das den Ostenfriedhof von der Kapuzinergasse aus erschließt. Das Wort Friedhof leitet sich ursprünglich vom althochdeutschen „frithof“, der Bezeichnung für den eingefriedeten Vorhof einer Kirche ab. Sein Bedeutungswandel zu einem „Hof des Friedens“ vollzog erst im Laufe der Jahrhunderte. Von Anfang an war es in den christlichen Gemeinden Gepflogenheit, die Toten in den die Kirchen umgebenden „Gottesäckern“ zu bestatten. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung sah man sich jedoch gerade in den mittelalterlichen Städten gezwungen, die Friedhöfe vor die Tore der Stadt zu verlegen – so auch in Eichstätt. Bis 1535 fanden hier die Verstorbenen ihre letzte Ruhestätte an der Nordseite des Doms, dem „Domfreithof“. Platzmangel und hygienische Unzulänglichkeiten führten seit 1511 zu Bestrebungen, den Friedhof in die Ostenvorstadt zu verlegen. Die mühseligen Verhandlungen zwischen Bischof, Domkapitel und der Eichstätter Bürgerschaft, welche die aus ihrer Sicht zu weiten, ungepflasterten Wege in die Vorstädte scheute, zogen sich 23 Jahre hin. 1535 schließlich wurden der neue Ostengottesacker und die zugehörige Kapelle vollendet. Der ursprüngliche Friedhof erstreckte sich nur zwischen heutiger Westmauer und Gabrieligrab in der Ostmauer. Seitdem wurde er immer wieder erweitert, das schmiedeeiserne Gittertor stammt von der Erweiterung 1886, in deren Zuge auch die neuromanische Aussegnungshalle entstand.

„Es lebe der Ostenfriedhof…“ schrieb einmal der Schlossleutnant Krach im EK. Und tatsächlich ist der Eichstätter Gottesacker nicht nur einer der schönsten weit und breit, er ist auch ein Ort des Gedenkens und ebenso ein Ort der Kommunikation, der Lebenden untereinander ebenso wie der Lebenden mit den Verstorbenen.

 

Freitag, 9. Dezember

Nein, es ist nicht der mächtige, Ehrfurcht gebietende Hauptzugang zum prachtvollen Treppenhaus, sondern nur eine Nebentüre, die in das Gebäude der ehemaligen Hofkanzlei gegenüber der ehemaligen fürstbischöflichen Residenz, dem heutigen Landratsamt führt. Ebenso wie ihr Gegenüber führt sie von dem Laubengang der Hauptfront aus in die Nebenflügel.

Der Vorgängerbau der Stadtresidenz, der „Alte Hof“, hatte die weltlichen und geistlichen Hochstiftsbehörden unter einem Dach vereint, während der Fürstbischof selbst seit dem 14. Jahrhundert auf der Willibaldsburg residierte. Mit der Rückverlegung der Hofhaltung in den Neubau der Stadtresidenz um 1727 ergab sich die Notwendigkeit eines eigenen Kanzleigebäudes in nächster Nähe. Daher errichtete der fürstliche Hofbaudirektor Gabriel de Gabrieli 1728 einen dreiflügeligen Neubau der Hofkanzlei, dessen zurückhaltende, ernste Gestaltung angemessen und differenziert auf das schwere hochbarocke Formengut des gegenüberliegenden Residenzflügels reagiert. Im Erdgeschoß befanden sich die Registraturen und die Residenzwache, worauf heute noch die steinernen Bänke hindeuten, auf denen wohl manch gemütliches Feierabendpfeifchen geschmaucht worden sein mag. Im ersten Obergeschoß waren die Kanzleien, Amtsstuben, Beratungs- und Sitzungszimmer der geistlichen und weltlichen Regierung untergebracht. Im als Halbgeschoß ausgebildeten zweiten Obergeschoß hatten die Pagen ihre Unterkünfte.

Nach der Säkularisation wurde das Gebäude vorläufig weiterhin vom Bischöflichen Ordinariat, dem vormaligen geistlichen Rat, genutzt, kam 1817 in den Besitz der Leuchtenbergischen Regierung und wurde 1838-57 Sitz des Königlichen Appellationsgerichtes für Mittelfranken. Seit 1862 dient es als Bezirksamt und ab 1939 zunächst Haupt-, später als Nebengebäude des Landratsamtes.

 

Samstag, 10. Dezember

Eine alte Tür in neuer Umrahmung – Hauptsache jedoch, sie ist erhalten geblieben, indem man sie behutsam den neuen Anforderungen angepasst hat. Die Türe befindet sich an der Rückseite des Anwesens Luitpoldstraße 19 und ist vielen LeserInnen zum Lokal „Backstube“ in bester Erinnerung, die allenfalls durch das berühmt-berüchtigte „Backstubenwasser“ leicht getrübt sein könnte.

Das „Haus vor den Predigern“, also beim Dominikanerkloster, ist laut Magdalena Schick bis frühestens 1435 quellenmäßig nachweisbar. Im 15 und 16. Jh. wird es im Regelfall von Mitgliedern der städtischen Räte, Bürgermeistern und Verwaltungsbeamten bewohnt, die ihren Mietzins dem Kloster St. Walburg sowie der städtischen „Unserer Frauen Almosen“-Stiftung entrichten. Nach dem Stadtbrand des 30jährigen Krieges scheint das stark beschädigte Gebäude um 1650 wieder aufgebaut worden zu sein. Für 1696 ist als Besitzer des stattlichen Hauses in guter Lage der Hoftrompeter Constantin Ignaz Weiner überliefert. Das Datum 1727 am Türstock verweist auf eine umfassende Renovierung, die angeblich unter Leitung des domkapitelschen Baumeisters Benedikt Ettl – von dem auch der Turm der Walburgiskirche stammt – ausgeführt wurde.

1781 erwirbt der Hofkonditor Andreas Sartori das Anwesen und eröffnet, nach Erwerb der „Zuckerbackgerechtsame“, also des Rechtes, das hoch begehrte und damals noch sehr teure Zuckerbackwerk herstellen und verkaufen zu dürfen, hier die erste Konditorei. In der Folgezeit ist das Gebäude samt zugehöriger Konditoreigerechtsame im Besitz mehrerer Konditoren, bis es 1928 durch Wilhelm Riederer erworben wird, dessen Familie die alte Tradition bis in die 70er Jahre fortsetzt – so mancher wird sich an das gemütliche Café Riederer im Erdgeschoss des Gebäudes erinnern.

Ebenso unvergessen jedoch ist der „Peterskeller“, das legendäre Weinlokal, das im mittelalterlichen Kellergewölbe durch seinen beliebten Schweizer Wirt mit seinem ebenso legendären Chili bis in die 80er Jahre betrieben und nach dem Umbau des Gebäudes durch die im Erdgeschoss angesiedelte und tagsüber geöffnete „Backstube“ ergänzt wurde.

 

Montag, 12. Dezember, Pforte beim Kapuzinerkloster, Kapuzinergasse

Das schmiedeeiserne Gittertürl führt in den Friedhof des ehemaligen Kapuzinerklosters und lässt leise Wehmut angesichts eines Stücks verflossener Eichstätter Geschichte aufgekommen.

An der Stelle, wo sich Mitte des 12. Jahrhunderts Schottenmönche bei der Nachbildung des Heiligen Grabes von Jerusalem niedergelassen hatten, entstanden bis 1625 ein neues Kloster samt Kirche für den Kapuzinerorden, den Bischof Christoph von Westerstetten zum neuen Hüter des Heiligen Grabes bestimmt hatte. Die Patres und Fratres lebten v.a. von Almosen und waren als Prediger und Seelsorger in Stadt Land tätig,

Das Kapuzinerkloster war eine Eichstätter Institution, waren die Bettelmönche in ihren braunen Kutten aus dem Leben der Stadt und der umliegenden Gemeinden nicht wegzudenken. Dem Kloster gehörten Männer mit großen Namen an, wie der entschiedene Gegner der Nationalsozialisten und Jugendseelsorger Pater Ingbert Naab, der Missionar Pater Sebastian Englert, der unermüdliche Vater der Obdachlosen Frater Egdon Lermann, der überaus beliebte und zuweilen in Motorradkluft gewandete Handwerkerseelsorger Pater Marinus Mayer sowie den Polizeipfarrer Pater Petrus Niedermaier. Die Kapuziner waren beliebte Beichtväter, das „Kripperl bei den Kapuzinern“ war ein festes Ziel beim Weihnachtsspaziergang und die Auferstehungsfeier in der Osternacht etwas ganz Besonderes.

Mit dem Neubau des Klosters ab 1986, der nochmals Hoffnung für das Weiterbestehen der Kapuziner in Eichstätt aufkommen ließ, verschwand die berühmte Klosterpforte neben der Kirche, an der jeder Bedürftige, der hier anläutete, ein warmes Essen und seelsorgerlichen Zuspruch fand. 2009 endete mit der Auflösung des Eichstätter Konventes über 400 Jahre Geschichte. Heute ist mit dem Orden der Passionisten und auch der Katholischen Universität neues Leben eingekehrt. Bleibt zu hoffen, dass die Geschichte des Kapuzinergartens ein ebenso gutes Ende nimmt.

 

Dienstag, 13. Dezember, Haus Domenico Salle, Schießstättberg 

Wer würde hinter dieser in die Jahre gekommenen, langsam von der Natur zurück eroberten Türe eines der schönsten Privatanwesen Eichstätts vermuten? Die stattliche Villa befindet sich am Hang zwischen Antonistrasse und Schießstättberg und ist das ehemalige Privathaus des letzten Eichstätter Hofbaumeisters Domenico Maria Salle.

Salle wurde, wie Gabriel de Gabrieli, 1727 in Roveredo in Graubünden geboren und mit 17 Jahren zu Domenico Barbieri, dem Polier des fürstlichen Hofbaumeisters in Eichstätt, in die Lehre gegeben. In der Folgezeit arbeitete er an zahlreichen bedeutenden Baustellen in Stadt und Bistum Eichstätt mit, so an der Stadtpfarrkirche zu Bergen, an der Wallfahrtskirche zu Bergen, am Schloss Hirschberg bei Beilngries oder am Pfarrhof in Titting. Nach dem Tode Barbieris wurde Salle seit 1756 direkt unter Hofbaudirektor Maurizio Pedetti Polier und schließlich 1769 sogar Architekt im Dienste des Domkapitels und Landbaumeister. In Eichstätt leitete er u.a. die Erweiterungsbauten des ehemaligen Jesuitenkollegs, des späteren Bischöflichen Seminars.

1783 errichtete Salle sein herrschaftliches Wohnhaus mit seiner schönen nach Süden gerichteten Fassade nach eigenem Entwurf am oberen Rand eines großen Gartengrundstücks, das in drei Terrassen zur Antonistrasse hin abfällt. 1804 verkauft Domenico Salle, nun als Bürger und Stadtbaumeister, sein Anwesen. Käufer war der Metzgermeister Joseph Reischel, dessen seit dem 17. Jahrhundertin Eichstätt nachweisbare Familie mit diversen Immobilien begütert war. Im 19. Jahrhundertwechselten die Eigentümer häufig, kurz nach 1900 wurde es esitz der Familie Härtlein, die hier ein große Damenschneiderei betrieb.

Als die Säkularisation ab 1803 dem Fürstbistum und damit auch der Hofbautätigkeit ein Ende bereitete, war Salle in fortgeschrittenem Alter. Mit ihm, der 1808 starb, ging gleichzeitig eine über 200jährige Tradition der Graubündner Baumeister in Eichstätt zu Ende.

 

Mittwoch, 14. Dezember, Westenvorstadt, Mühlrad

Es gibt in Eichstätt unzählige davon, doch sie fallen kaum auf: kleine und unspektakuläre Türl und Luken, die die Durchgänge zwischen den Häusern, Nebenräume oder Geräteschuppen verschließen. Unsere heutige schlichte Brettertüre befindet in der Westenstraße am Kapellenbach, der – gespeist über die nie versiegende Quelle des idyllischen Kapellbucks – über mehrere Stufen herabfällt und, zunächst unter der Straße verschwindend, schließlich in einem offenen Kanal der Altmühl zuströmt. Dieser „Mühlenbrunn“ betrieb einst vier, paarweise hintereinander angesiedelte und seit dem 14. Jahrhundertbelegte Mühlen, die obere und die niedere Brunnmühle, wovon sich allein das 1496 Gebäude der Walburgismühle in alter Substanz erkennbar erhalten hat.

Die seit dem 11. Jahrhundert entstandene, älteste Vorstadt in der Westen erlangte ihre größte Blüte und Ausdehnung mit dem Aufschwung des hier ansässigen Tuchmachergewerbes im 15. Jahrhundert.  Damals sind für Eichstätt ca. 15 Tuchmacherbetriebe mit je etwa 10 Mitarbeitern, 16 Weberbetriebe, 3-5 Tuchscherer und 3-5 Färber überliefert. Noch heute zeugen die meist stattlichen Handwerkerhäuser vom einstigen Wohlstand der Bewohner, die hier insbesondere Gewerbe betrieben, die mit Wasserkraft betrieben wurden: Mühlen, Walkereien, Färbereien, Gerbereien und Weber. Sichtbarster Ausdruck des Selbstbewusstseins ist die von den Eichstätter Tuchmachern im 15. Jahrhundert gestiftete Maria-Hilf-Kapelle. Bereits im 16. Jahrhundertführte eine Krise zur Abwanderung der Händler und Feintuchweber. Nach dem 30jährigen Krieg sind 1696 nur noch 13 Weber, 8 Tuchmacher, 1 Tuchscherer und 3 Färber überliefert.  Dafür hatten sich in der Westenvorstadt andere Gewerbe angesiedelt, u.a. die Metzger, Wirte, Uhrmacher und Bauhandwerker.

Erst in den 50er Jahren stellten die letzten der damals noch acht Mühlenbetriebe ihren Dienst ein, die Walburgismühle wurde bis 1959 betrieben. Heute erinnert nur noch ein Mühlrad, das inzwischen allerdings der Stromgewinnung dient, an die Bedeutung der ursprünglich von der Wasserkraft lebenden Vorstadt.

 

Donnerstag, 15. Dezember, Fürstbischöfliche Sommerresidenz , Ostenstraße 24

Heute zum fast stets verschlossenen Hintereingang degradiert, eröffnete das stattliche Tor einst den Zugang in eine vornehme höfische Welt. Es ist das zur Ostenstraße gelegene Hauptportal der ehemals fürstbischöflichen Sommerresidenz. Nachdem die bischöfliche Hofhaltung um 1725 von der Willibaldsburg in die Stadtresidenz, das heutige Landratsamt verlegt worden war, reifte unter Fürstbischof Franz Ludwig Freiherr Schenk von Castell der Plan, nach dem Vorbild größerer absolutistischer Residenzen „Sommer-Haus mit Garten und Zubehör“ (Bauinschrift über dem Portal an der Ostenstraße) anzulegen. Man wählte dafür ein nur 200 Meter vor dem Ostentor gelegenes Gelände, das in die Altmühlauen überging und auf dem sich bereits seit 1696 ein fürstlicher Garten befand. 1735-37 entstand die 100 Meter lange Anlage des Schlossbaus nach den Plänen des Hofbaudirektors Gabriel de Gabrieli. Der Bau ist nach Süden hin orientiert, wo sich der Hauptsaal in großen Fenstern und flankierenden Galerieflügel in luftigen Arkaden zum Garten öffnen. Am heutigen Hauptzugang an der Gartenseite, wo geschäftiges Kommen und Gehen herrscht, befand sich einst der ebenerdige Gartensaal, der manch gelöste Tafelrunde erlebt haben dürfte.

Nach der Säkularisation war das Sommerschloss 1817-1855 im Besitz der Herzöge von Leuchtenberg, die den einst streng angelegten Garten in einen Naturpark umwandeln und im Schloss selbst ein berühmtes Naturalienkabinett einrichteten. Seit 1871 befindet sich der Hofgarten im Besitz der Stadt, das Schloß dagegen diente 1872-1898 als Kaserne für das Königlich-Bayerische Militär, bis es 1899 durch Bischof Franz Leopold von Leonrod zurück erworben und dem Bischöflichen Seminar übereignet wurde. 1901 – 1965 beherbergte es die Staats- und Seminarbibliothek, bis es ab 1974 nach einer umfassenden Restaurierung der heutigen Nutzung als zentrales Verwaltungsgebäude der Katholischen Universität zugeführt werden konnte.

 

Freitag, 16. Dezember, Pfahlstraße 31

In Eichstätt finden sich zahlreiche Türen des 19. Jahrhunderts, die aufwendig gearbeitet sind und oft viel ältere Gebäude zieren: wie am Anwesen Pfahlstraße 31, dessen Geschichte Magdalena Schick bis ins Jahr 1311 zurückverfolgen konnte. Damals befand sich hier die städtische Fleischbank. So bezeichnete man im Mittelalter die zentral, meist beim Marktplatz zusammengefassten Metzger- und Fleischhauerstände. Der Name leitet sich von der Bankform der Verkaufstische ab, die zunächst offen waren, jedoch schon bald in gewölbten Innenräumen in meist von am Markt stehenden Gebäuden zusammengefasst wurden: im Falle von Eichstätt im Erdgeschoß des Rathauses.

Wie in mittelalterlichen Städten üblich, war auch das Handwerk der Fleischhauer und Metzger auf ein bestimmtes Stadtviertel konzentriert. Es hatte zur besseren Kontrolle der vom jeweiligen Magistrat vorgeschriebenen Hygiene-, Qualitäts- und Preisvorschriften direkt nebeneinanderliegende Verkaufsstätten, in denen die frisch geschlachteten Tiere zerlegt und verkauft wurden. Ebenso typisch ist es, dass die Schlachthäuser meist außerhalb der Stadtmauer an einem fließenden Gewässer gelegen waren, wie im Falle Eichstätts unterhalb des Rathauses an der Altmühl. Dem entsprechend gehörte ein Großteil der Bewohner dieses Viertels dem Metzgerhandwerk an, das die öffentlichen Fleischbänke in der Schlaggasse unterhalb des Rathauses belieferte. 

1477 ist davon die Rede, dass die Stadt im heutigen Anwesen Pfahlstrasse 31 eine „Kuchen“ errichtete, also wohl eine Art Stadtküche, die an der Versorgung der zahlreichen Armen der Stadt beteiligt war. 1623 findet sich erstmals ein Sattlermeister Biegler als bürgerlicher Besitzer der „Behausng bey den Fleischtischen“.

Das im 30jährigen Krieg zerstörte Gebäude wurde bis spätestens 1650 wieder aufgebaut,  die Besitzer wechselten häufig. Seit 1878 befand sich im Erdgeschoß das Bader- und Friseurgeschäft Otto Dauser, das zunächst vom Sohn und später unter anderen Eigentümern bis im vergangenen Jahr existierte.

 

Samstag, 17. Dezember, Tor zum Westenfriedhof

Das Tor des heutigen Tages wirkt wie eine Öffnung in eine andere geheimnisvolle Welt. Wohl ist es nur ein schlichtes hölzernes Abschlussgitter in einem allerdings alten steinernem Gewände, und doch erschließt es den Zugang zu einem der idyllischten Orte Eichstätts: den Westenfriedhof. Dieser wurde 1535 parallel zum großen Friedhof der Ostenvorstadt angelegt und war u.a. ein Zugeständnis an die selbstbewussten Bewohner der Westenvorstadt, die insbesondere vom einflussreichen Handwerk der Tuchmacher geprägt war. Die Anlage an dem im Volksmund „Fuchsbühel“ genannten Nordhang vor dem äußeren Westentor war 1536 mit Vollendung der Ummauerung errichtet, das zugehörige St. Michaels-Kirchlein wurde bis 1538 vollendet.

Als 1627 eine pestartige Seuche in Eichstätt wütete, sollen die von Dahingerafften ihre letzte Ruhestätte in einem Massengrab auf dem Westenfriedhof gefunden haben. Eine steinerne Kreuzigungsgruppe des 18. Jahrhunderts auf halber Höhe markiert angeblich diese Pestgrube. Am 8. Februar 1634 besetzten die Schweden den „St. Michaels-Freythof“ und brachen von hier aus durch das Westentor zu ihrem vernichtenden Angriff in die Stadt ein. Auch damals dürfte der kleine Friedhof Ruhestatt für zahlreiche Opfer geworden sein. Nachdem 1851 der Ostenfriedhof erweitert worden war, entschloss man sich, den Westenfriedhof aufzulassen.

Wohl nur ein kleiner Teil der Grabsteine hat sich vor Ort erhalten, und doch geben die Inschriften bis heute beredtes Zeugnis über die Bewohner und Sozialstruktur der Westenvorstadt. Es finden sich die Namen von Tuchmachern, Müllern, Handwerkern und Kaufleuten bis hin zu Hofgärtnern und Hofbeamten. Prominenteste „Bewohnerin“ des Westenfriedhofes dürfte die 1802 verstorbene Sophia Kettner sein, die unerkannt als Soldat in der österreichischen Armee Maria Theresias diente.

 

Montag, 19. Dezember: Tor Hofgartenbibliothek

Es gleicht einem Zugang zum Dornröschenschloss, das mit wildem Wein romantisch überwucherte Tor in der Ummauerung der Hofgartenbibliothek, wo kunstvolle Metallarbeit, Architektur und Natur eine so wundervolle Symbiose eingehen.

Nachdem Bischof Franz Leopold von Leonrod die zwischenzeitlich als Kaserne genutzte ehemalige Sommerresidenz rückerworben hatte, wurden hier neben den Sammlungen des Diözesanmuseums vor allem die umfangreichen Bestände der Seminarbibliothek untergebracht. Als das Gebäude die stetig wachsenden Buchbestände nicht mehr zu fassen vermochte, errichtete man 1963 bis 1965 südwestlich des Hofgartens und eingebettet in die ruhig-idyllische Grünlandschaft der Altmühlauen einen ein Bibliotheksneubau nach den Plänen des Diözesanbauamtes unter Karljosef Schattner

Beim Neubau erforderte die anspruchsvolle Nachbarschaft von Sommerresidenz und historischem Garten eine zurückhaltende Lösung, bei der sämtliche Benutzungs- und Verwaltungsräume eingeschossig um ein fünfgeschossiges Magazin gruppiert wurden. Ost- und Westflügel umschließen ein kontemplatives Atrium von skandinavischer Sachlichkeit, zu dem sich die Fassaden großzügig öffnen. Dem Atrium ist ein weiteres Höfchen vorgelagert, dessen hohe Umfassungsmauer die Ruhe und Intimität der Anlage zusätzlich betont. Vergitterte Mauerdurchbrüche beziehen hier die angrenzende Landschaft der Flussauen mit ein – eine deutliche Reminiszenz an die spät­barocke Naturinszenierung der benachbarten Hofgartenbegrenzung.

Seit dem Umzug der zentralen Bibliotheksbestände in die Zentralbibliothek im Jahre 1987 und seit Fertigstellung zweier weiterer Teilbibliotheken dient das Gebäude als Teilbibliothek mit Handschriftenabteilung und Graphischer Sammlung. Anfangs nicht unumstritten, zählt das Gebäude inzwischen zu den Klassikern der modernen Architektur Eichstätts und hat bis heute seinen ganz besonderen Charme nicht verloren.

 

Dienstag, 20. Dezember: Wohlmuthgasse

Ja so eine greisliche Türe, werden Sie vielleicht denken, liebe Leserinne und Leser. Doch tatsächlich verbirgt sich unter vielen Generationen meist nur noch fragmentarisch vorhandener Plakate, die symptomatisch für das in Eichstätt allgegenwärtige Verpapplen und Verwappeln von Laternenmasten, Regenrohren und allen möglichen und unmöglichen Flächen stehen mögen, eine sehr alte Türe – und sie hat ihren ästhetischen Reiz. Sie befindet sich in der Wohlmuthgasse, die mit ihrem alten Stadtmauerturm als Blickpunkt zu einer der – wären da nicht die vielen, oft sinnbefreiten Graffitis – städtebaulich reizvollsten Partien Eichstätts zählt. Einst stellte die Gasse die Verbindung zwischen zwei geistlichen Gebäuden sowie von der heutigen Luitpoldstrasse zum ehemaligen Hofstall am Graben her.

Benannt ist die Gasse nach dem Dompropst und Ehrenbürger der Stadt, Dr. Georg Wohlmuth (1865-1952). Geboren im mittelfränkischen Schloßberg bei Heideck, hatte Wohlmuth seine Ausbildung und Priesterweihe in Eichstätt erhalten. 1895 wurde er nach seiner Kaplanszeit Professor für praktische Philosophie am Bischöflichen Lyzeum, einem Vorgänger der Katholischen Universität. Er engagierte sich nicht nur früh als Interessenvertreter des bayerischen Bauernstandes. 1911 wurde er 47jährig als Vertreter der zentrumsnahen Bayerischen Volkspartei für die Kammer der Abgeordneten des Bayerischen Parlamentes gewählt, dem er 21 Jahre lang angehören sollte. Wegen seines vielfältigen und fruchtbaren Wirkens wurde er nicht selten bewundernd als der ungekrönte König Bayerns bezeichnet.

Nachdem Wohlmuth ein Zusammengehen der BVP mit der NSDAP Hitlers strikt ablehnte und sich 1929 öffentlich gegen die Rassenideologie der Nationalsozialisten wandte, häuften sich die Angriffe auf seine Person, was 1933 zu seinem aus der Politik führte. Bis zu seinem Tod fast 20 Jahre später lebte Wohlmuth in Eichstätt bis zuletzt in geistiger Frische, griff aber nie mehr ins politische Geschehen ein.

 

Mittwoch, 21. Dezember, Büttelgasse

Ein Türen-Stimmungsbild bietet sich uns heute in der Büttelgasse. Zwischen Webergasse und Pedettistraße gelegen, ist sie von kleinteiligen, meist mittelalterlichen Handwerkeranwesen geprägt und konnte bis heute den in der Vielfalt und im Unspektakulären liegende Charme eines mittelalterlichen Handwerkerviertels bewahren.

Die Besitzgeschichte der beiden abgebildeten Anwesen lässt sich bis ins frühe 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Damals sind Schuster bzw. Schlosser die Eigentümer. Im Laufe der Zeiten war die Büttelgasse stets vom Handwerk geprägt, wohnten und arbeiteten hier auch Schneider, Fassbinder, Maurer, Schreiner, Drechsler und Sattler, Glaser, Uhr- und Büchsenmacher, Hut-, Kamm- und Knopfmacher und Bäcker.

Das Anwesen Büttelgasse 7 war seit 1815 im Besitz des Glasermeisters Josef Weidenhiller, der als der Erfinder der Zwicktasche (1828) , also von in Biberschwanzform gezwickten Kalksteinplatten zur Dachdeckung, gewisse Berühmtheit erlangte. Er scheint mit der Erfindung zu Wohlstand gelangt zu sein, da er um 1840 das wesentlich größere Anwesen Büttelgasse 1 erwerben konnte, an dessen Fassade noch heute eine Zwicktasche an ihn erinnert.

Im Erdgeschoß des Anwesens Büttelgasse 9, dessen Schriftzug an der Fassade auf die hier seit 1911 ansässige Schreinerei Klöpfer verweist, befand sich seit 1764 bis ins 19.Jahrhundert ein Kramerladen, der vom benachbarten „Schergenhaus“ den Namen „Amtshauskrämer“ trug. Denn dort, wo uns das ehemalige Fernmeldeamt mit seinem scheinbar für die Ewigkeit gegossenen Betoncharme ins Auge springt, befand sich einst die Fronfeste der Stadt Eichstätt mit Stadtwache und Gefängniszellen. Sie war Sitz der Fronboten, also von Vollstreckungsbeamten bzw. Gerichtsdienern, die u.a. mit Verwaltungsaufgaben und Vollzug betraut waren. Man nannte sie Büttel, daher auch der Name der angrenzenden Gasse.

Die Fronfeste war bis 1959 Station der Gendarmerie; danach zogen die Polizeibeamten in das Gefängnis an der Bundesstraße um. 1970 musste das immerhin bis Mitte des 15. Jahrhunderts zurückgehende Gebäude dem Betonbunker“ der Bundespost weichen.

 

Donnerstag, 22. Dezember, Luitpoldstrasse, Schlosserei Hartmann,

Ein kunstvolles, schmiedeeisernes Handwerkerzeichen in Form eines Schlüssels kündet vom ehemaligen Handwerksgewerbe, das in dem hochaufragenden, markanten Eckhaus Luitpoldstraße 32 nachweislich seit 1696 bis weit ins 20. Jahrhundert betrieben wurde: das Schlosserhandwerk.

Das Anwesen ist den älteren Eichstättern bis heute als das „Hartmannhaus“ geläufig, was sich plausibel aus der der von Magdalena Schick recherchierten Eigentümergeschichte des Hauses erklärt. 1741 erwirbt der junge Geselle Johann Gabriel Hartmann, bürgerlicher Schlossermeistersohn, das Anwesen mitsamt „Schlosserfeuerstadt“ und realer Schlossergerechtsame“, also dem verbrieften Recht zur Ausübung des Schlosserhandwerks. Sein Sohn Franz David und wiederum dessen Nachkommen Franz und Franz Xaver Hartmann sollten die Tradition des Schlosserhandwerks und damit auch des Hauses bis in die späten 40er Jahre des 20. Jahrhunderts fortsetzen.

Die rechte Seite des Gebäudes, im 20. Jahrhundert durch einen Neubau ersetzt, gehörte anderen Besitzern und wurde erst 1814 durch Franz Hartmann dazu erworben. Als Bewohner lassen sich seit dem späten 17. Jahrhundert u.a. Schuhmacher und Schneidermeister belegen, die wohl da ihrem Handwerk nachgingen, wo sich heute das Büro der Eichstätter Standortbeauftragten Beate Michel befindet.

Unsere Türe mit ihrem wunderschönen Ziergitter in Jugendstilformen befindet sich an der Südseite des Gebäudes. Mit ihrer mittigen vergoldeten Maske und dem eleganten Rankenwerk stand die die Türe damals stilistisch auf der Höhe der Zeit und konnte es mit Vergleichsbeispielen wie im mondänen München aufnehmen. Einem Schlossereianwesen angemessen hat hier der Eigentümer, wohl Franz Xaver Hartmann, um 1910 ein Zeugnis seines Könnens hinterlassen – und die denkbar beste Werbung für seinen Betrieb.

 

Freitag, 23. Dezember, Marktplatz, Paradeis

Es ist eines der bekanntesten Bildmotive Eichstätts, ja geradezu ein Malerwinkel: der alte Stufenanstieg und das spitzbogig-gotische Portal mit seinem altgedienten Türblatt zum „Paradeis“. Ein Ort, der insbesondere im Sommer rosenumrankt zum Inbegriff mittelalterlicher Romantik wird. Das Portal eröffnet den Zugang zum Haus Brodhausgasse 1, das mit seinem ebenfalls bis auf das 14. Jahrhundert zurückgehenden Nachbarhaus Marktplatz 9 sowie dem nach Westen anschließenden, jüngst renovierten Gebäude Pfahlstrasse 18 zu einer Einheit verschmolzen scheint.

Die Gebäude bilden vor dem Portal der ehemaligen Stadtpfarrkirche „Zu unserer Lieben Frau“ einen kleinen Platzraum, der schon früh den schließlich auf die ganze Häusergrubbe bezogenen Namen „Paradeisgasse“ oder „Pardeys“ trug. In der mittelalterlichen Architektur bezeichnet „Paradies“ u.a. den mit Mauern und einem Säulengang umfriedete Vorhof von Gotteshäusern. Nicht selten waren derartige Vorplätze mit einem Brunnen sowie Pflanzen gestaltet, um an den Garten des Paradieses zu erinnern. Auch gehörte das „Paradeis“ im Regelfall zum Friedensbereich einer Kirche, wo z.B. Flüchtende mit Erreichen des Paradieses Asyl fanden. Vielleicht spielte auch die Vorstellung mit, die Vorhalle bzw. der Vorplatz der Kirche sei eine Art irdischer Vorgriff aufs himmlische Paradies. Während sich bei Brodhausgasse 1 sowohl Fassade als auch Inneneinrichtung als beeindruckendes Beispiel für gehobene mittelalterliche Architektur und Wohnkultur erhalten haben, wurden die Außenfassaden und teilweise Innenräume von Marktplatz 9 barockisiert. Magdalena Schick konnte die Besitz- bzw. Bewohnerchronologie von Brodhausgasse 1 bis in 15. Jahrhundert, die von Marktplatz 9 sogar bis Mitte des 13. Jahrhunderts zurückverfolgen. Die Besitzer von letzterem scheinen meist der Eichstätter Oberschicht angehört zu haben. So war z.B. seit 1763 Eigentümer der Bürgermeister, Handelsmann und Bortenwirker Franz Anton Österreicher, der hier einen Laden betrieb.

Der mittelalterlichen Gebäudekomplex der drei Paradeishäuser gehört zu den größten architektonischen wie kulturhistorischen Kostbarkeiten Eichstätts – und wie froh wären wir, in nicht allzu ferner Zeit auch kulinarisch wieder einen Fuß ins „Paradeis“ setzen zu dürfen.

 

Samstag, 24. Dezember, Frauenbergkapelle

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit. Ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt; derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.

Das bekannte, in Ostpreußen entstandene Kirchenlied aus dem 17. Jh. gehört in der katholischen wie evangelischen Kirche zu den beliebtesten und bekanntesten Adventsliedern und wurde auch in andere Sprachen übersetzt. Der Text stammt von Georg Weissel (1590–1635) und wurde 1623 anlässlich der Einweihung der Altroßgärter Kirche in Königsberg verfasst. Er entstand zu einer Zeit höchster Not, in der auf deutschem Gebiet der 30jährige Krieg wütete, dem weite Bevölkerungsteile zum Opfer fielen und die Überlebende mit Seuchen und schweren Hungernöten plagte – weshalb die Passage „All unsere Not zum End‘ er bringt“ durchaus die allgemeinen Sehnsucht nach Ende der Kriegsplagen, nach Frieden, zum Ausdruck bringt. Die heute mit dem Text verbundene, eingängige Melodie dagegen dürfte erst Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden sein. Ihr verdankt das Lied seine volkstümliche Beliebtheit, die es die Menschen in der Adventszeit gerne und oft singen lässt, und nicht nur in Deutschland.

Mit diesem Lied endet unser Adventskalender, hat die Zeit des Wartens ein Ende. Nun hat sich das Tor geöffnet – so wie auf unserem Bild die Türe der bei den Eichstättern so beliebten Frauenbergkapelle schon etwas vom geheimnisvollen den Lichterglanz der Weihnachtsnacht erahnen lässt.

Viele waren heuer an der Adventsserie beteiligt: die jungen Fotografinnen Anna, Lavinia, Lea, Magdalena, Marlena, Paulina, Pia, Ronja, Sarah, Stella, Vanessa, Laura; ihr unermüdlicher Koordinator und Bildbearbeiter Walter Huber – ich und die Mitarbeiter des Eichstätter Kurier. Wir alle hoffen, Ihnen mit den Bildern und Texten ein wenig Freude und Beschaulichkeit in der Vorweihnachtszeit bereitet und Ihnen ein kleines Stück unseres an Geschichte und Kultur so reichen, liebenswerten Eichstätts näher gebracht zu haben.

Wir wünschen eine gesegnete, friedvolle Weihnacht und viel Gesundheit und Zufriedenheit im neuen Jahr.